Was der Eisberg mit dem Leben zu tun hat, Teil 1

„Nun habe ich mich doch tatsächlich dabei erwischt. Abends im Bett. Eigentlich sollte ich schlafen. Eigentlich. Ich brauche meinen Schlaf. Mist. Die Decke hochgezogen bis ins Gesicht und ärgere mich. Und mir wird klar. Ich bin mit einem Eisberg havariert. Irgendwie habe ich gerade das Gefühl selbst ein Eisberg zu sein.
Mein inneres Auge zeichnet das Bild zweier Eisberge mitten im Niemandsland. Scheinbar sind sie weit voneinander entfernt. Und doch habe ich ihn genau gespürt – den Aufprall. Wir sind zusammengestoßen. Aber wo? Und wer? Und warum?“

Ärger über den Ärger

 

Solche Gedanken und Erkenntnisse kennen Sie auch. Gerade dann, wenn wir „eigentlich“ jetzt schlafen sollten, in Situationen, wo wir einen klaren Kopf brauchen…

Was passiert? Ein anfangs harmloses Gespräch entwickelt sich in ein bedrohlich wirkendes Fragezeichen: „Worüber diskutieren wir eigentlich gerade? Was ist das Thema? Ich wollte doch eigentlich nur…“.

Fragen wir die Wissenschaft

 

Aus naturwissenschaftlicher Sicht erklärte Lomonossow bereits um 1750 den Grund dafür: Die Dichte des Eises beträgt 0,920 kg/ Liter und die Dichte des Meerwasser 1,025 kg/ Liter. Aufgrund des geringeren Gewichts des Eises befinden sich 90% eines Eisbergs unter Wasser. Die WAHREN Ausmaße eines Eisbergs bleiben für unsere Augen verborgen.

Diese Metapher machte sich Freud zu nutze und nahm das Modell eines Eisbergs für seine psychoanalytischen Untersuchungen. Er teilte den Eisberg in zwei Ebenen. Die Spitze des Eisbergs in die sichtbare – bewusste Ebene. Der Teil des Eisbergs, der sich unter der Wasseroberfläche befindet in die unsichtbare – unbewusste Ebene. Die Kommunikationspsychologie hat dieses Modell im Hinblick auf die zwischenmenschliche Kommunikation weiterentwickelt.

Erforschen wir das Eis

 

Genau dazu möchten wir Sie einladen. Beobachten Sie einfach einmal, was Ihnen bei Begegnungen mit anderen in Verbindung mit dem Metaphernbild Eisberg alles begegnet.

  • Wenn Sie sich ärgern, realisieren Sie einen Moment, ob Sie möglicherweise nur auf etwas reagieren, was Sie sehen, den Kopf, das Denkhirn, das Sichtbare.
  • Vieles andere: Interessen, Gefühle, Werte, Persönliches bleiben jedoch verborgen unter der Wasseroberfläche.
  • Wissen Sie, was Ihr Gegenüber veranlasst hat, das oder jenes zu Ihnen zu sagen?
  • Haben Sie verstanden, was er meint mit dem, was er sagt?
  • Weiß der Andere, wie Ihnen zumute ist?
  • Kann er das Pokerface durchschauen? Kennt er Ihre Mimik und Gestik?

Warum sollte er? Vielleicht hat er gar nicht mitbekommen, dass Sie sich ärgern, weil Sie es in Ihrem eigenen Eisberg verborgen verstaut haben?

Das Vertrackte an der Sache ist:

Es ist und bleibt IHR Ärger. Sie bleiben damit erst einmal allein. Sie schlafen nicht.

Fakt ist: Ärger bindet Energie und kostet Kraft. Der Blick für das Wesentliche geht verloren, unser Sonar ist blind und taub.
Erst wenn Ihnen das bewusst wird, können Sie sich auf die Spuren begeben und sich fragen, was hinter Ihrem Ärger steckt. Das ist nicht die andere Person. Es steckt in Ihrem eigenen Eisberg. Möchten Sie uns auf diese Reise begleiten?
Wir freuen uns über Ihre Erlebnisse. Beobachten Sie in der nächsten Woche, ob und wo Ärgersituationen entstehen, deren Ursache Sie nicht gleich ergründen können.
Wenn Sie möchten schreiben Sie auf, was gerade die Situation am besten beschreibt. Wo sind Sie? In welchem Kontext? Was wollten Sie mit Ihrem Gegenüber klären oder was ist Ihnen begegnet? Plötzlich oder absehbar? Was genau?
Katja Jungmann und Gisela Krämer
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