Eskalation.

Ein wahrhaft mächtiges Wort. Steht so unscheinbar da und löst doch in jedem erst einmal etwas aus. Heftig erscheint es, fast konfliktträchtig allein für sich. Stimmt auch irgendwo.

In unserem Sprachgebrauch steht Eskalation für Verschlimmerung, stufenweise Steigerung, aber auch für Ausweitung, sogar für Aufwiegelung, Erhöhung, schlechter machen, teurer werden, ausdehnen und schlimmer werden. Ja sagen Sie? Stimmt?

Konflikte tun genau das!

Sie dehnen sich aus, sie werden schlimmer, sie steigern sich, werden eindeutig teurer und die Situation schlechter als vorher. Korrekt formuliert tun natürlich nicht die Konflikte das, sondern wir Menschen. Wir entscheiden letztlich jeden einzelnen Schritt, jede Eskalation. Aber die Beschreibung von Konflikten und der Situation und die Tatsache, dass wir uns zunehmend von unserer Bewusstheit für die Folgen unseres Handelns entfernen, lässt uns Konflikte als fast etwas Lebendiges beschreiben. „Es ist passiert.“ „Dann kam es so über mich.“

Wer oder was ist ES? Der Konflikt? Wie geht das denn?

Was ist überhaupt ein Konflikt?

Sie erinnern sich an meinen Artikel „Möge die Macht mit dir sein!“?

Ich benutze einen weiteren Satz aus der Star Wars Saga: „Eine Vergenz der Macht“, so bezeichnete Joda das Zeigen von Macht in dem kleinen Jungen Anakin mit Kipprichtung in Richtung „guter“ oder „schlechter“ Macht. Ein interessanter Begriff, dessen volle Bedeutung sich zeigte, als es um die Erschütterung, das Auseinanderstreben, die Nichterkennungsmöglichkeit von Grenzen ging und das Gleichgewicht der Macht gestört wurde.

Genauso geht es mit Konflikten: Sie sind divergent, sie sind eine Unvereinbarkeit entweder im Denken oder in der Möglichkeit unseres Vorstellungsvermögens oder in der Fähigkeit, uns etwas vorzustellen mit meinem Gegenüber. Wir kriegen das dann momentan nicht überein, wir wissen ja teilweise selbst nicht, wo wir stehen, und wir unterwegs sind.

Eskalation über drei Ebenen hinweg

Nach Glasl gibt es drei große Ebenen einer Konflikteskalation.

Ebene 1: Hier ist es noch möglich, so aus dem Konflikt herauszukommen, dass beide Konfliktparteien oder Verhandlungspartner gewinnen können, zumindest aber nichts verlieren. Unterschätzen Sie die ersten drei Stufen dieser Ebene trotzdem nicht, das geht schon ganz schön zur Sache. Interessen zählen nicht mehr, es kommt zum Kampf, zum Niedermachen des Gegners, das Reden endet, stattdessen folgen die ersten Taten. Das kann so aussehen, dass die Eltern die Wäsche wochenlang liegenlassen, damit Junior mal sieht, wie es ist, wenn er seine Sachen nicht aufräumt. Im Betrieb sagt man nichts mehr, obwohl man durchaus sieht, dass das Projekt an die Wand fährt. Aber das müssen die anderen halt jetzt mal spüren!

Erste Ebene fragen Sie fassungslos? Ja! Das geht noch viel schlimmer.

Ebene 2: Hier ist der offene Konflikt so positioniert, dass es allenfalls einen Gewinner gibt. Die klassischen Konfliktverhaltensmuster im archaischen Sinne greifen hier. Entweder wird abgetaucht oder angegriffen. Wichtig ist nur noch, den Gegner fertig zu machen. Die Worte Partner, Gesprächspartner gibt es hier nicht mehr. Koalitionen werden geschmiedet, man sucht sich Unterstützung bei Dritten, fängt an, den anderen bloßzustellen, das Vertrauen ist weg und mit Macht wird die Spirale aus Drohung und Gegendrohung immer stärker. „Wenn du nicht, dann….“

Abmahnungsandrohungen, Klageerhebung, moralischer Druck wird aufgebaut, das Kind wird entzogen…  Ihnen wird schon ganz anders? Das glaube ich Ihnen gerne.

Ebene 3: Hier gibt es definitiv nur noch Verlierer! Allein hat niemand mehr eine Chance die Vorgänge zu stoppen oder den Krieg zu beenden. Auf dieser Ebene herrscht Anarchie.  Die Vernichtung des Gegners wird mit dem Preis der eigenen Vernichtung bezahlt. Im Krieg gibt es nur noch Verlierer.

Was tun? Und was meine ich damit, dass es auch anders geht?

Grundsätzlich möchte ich Sie bitten, vor allem auf den Ebenen 2 und 3, dass Sie sich Unterstützung holen, sei es beim Chef, bei einer anderen Nation, beim Gericht, beim Mediator, Prozessbegleitung, Moderation, bei Anderen! Es gibt Möglichkeiten, hier wieder rauszukommen, und es bedeutet dann, eine Eskalationsstufe nach der anderen wieder zu erklimmen, solange bis Sie wieder bei Ebene 1 angekommen sind, wo die Möglichkeit besteht, dass man wieder ins Gewinnen kommt und nicht im Dauerverlieren bleibt.

Jetzt ist das Wort Eskalation wahrscheinlich noch schlimmer dran als es ganz oben im Text gewesen ist.

Es gibt noch eine andere Bedeutung

und diese erscheint mir bei Konflikten angebracht. Das erste Mal kam ich damit in Kontakt als ich bei einem großen Autokonzern mit einer Führungsnachwuchskraft aus dem Entwicklungsbereich (Ingenieur) gearbeitet habe im Coachingprozess. Der junge Mann erklärte mir auf meine Frage, was er denn üblicherweise tut, wenn ein Vorgang ins Stocken gerät: „Das muss ich dann eskalieren“! Stellen Sie sich meine Verblüffung in diesem Moment vor. Ich fragte ihn dann, warum er den Konflikt verschlimmern will. Jetzt war das Erstaunen bei ihm und wir mitten in der Praxisexpertise.

Eskalation im Projektmanagement

Im Projektmanagement ist Eskalation ein bewusster Vorgang, in welchem der Konflikt geplant, stufenweise und vor allem in der gegenseitigen Anerkennung der Situation ausgeweitet wird. Damit wird Eskalation zu einem absolut nützlichen Instrument. Ich versuche das mal zu erklären mit kurzen Worten. Vertreter aus dem Projektmanagement mögen mir die möglicherweise Verflachung des Themas nachsehen.

Wie?

Der Konflikt wird stufenweise an eine höhere Instanz eskaliert, das heisst, der Chef wird eingeschaltet, die nächste Entscheidungsebene einbezogen. Wann? Immer dann wenn keine ausreichenden eigenen Mittel oder Kompetenzen oder Handlungsspielräume mehr vorhanden sind. Dies dient dem Zweck Problemlösungen aktiv voranzutreiben und nicht im stillen Kämmerlein ewig weiter zu versuchen, das Problem selbst zu lösen. Dadurch löst es sich im Regelfall nicht, im geringsten Falle passiert nichts, es geht aber auch nichts voran. Also wird stattdessen die Projektleitung, die Klassenleitung, die Abteilungsleitung etc. eingeschaltet und die Verantwortlichkeit für die Regelung nach oben delegiert. Klingt logisch oder?

Wenn man selbst nicht mehr weiter weiß, sollte man sich an jemanden wenden, der es kann. Das heisst nicht, dass die eigene Verantwortung jetzt einfach abgeschoben wird! Im Gegenteil! Gerade weil die nächste Ebene eingeschaltet wird, nimmt (in diesem Fall) der Mitarbeiter seine Verantwortung ernst und schaut nicht weg, sondern unternimmt was. Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend für die Wirksamkeit. Zu früh und zu schnell bedeutet rasch eine Nutzlosigkeit der Methode, sie führt nur zur Störung des Prozesses.  Zu spät kann bedeuten, dass es zu spät ist und das Vertrauen in eine Lösung des Problems schon weg sein kann. Schauen Sie sich noch einmal die Ebenen 2 und vor allem 3 an der Eskalationsstufen nach Glasl.

Terminverschiebungen, Budgetüberschreitungen und Demotivation sind dann nur noch eine logische Folge.

Wann genau also eskalieren und wo selbst regeln?

Als typisch angesehen werden:

  • Prioritätensetzung und Ressourcennutzung
  • Probleme im Terminbereich oder beim Budget
  • Änderungen im Auftrag
  • Zielkonflikte verschiedener Akteure
  • Strategische Entscheidungen

Konflikte in der Zusammenarbeit im Team, Kommunikationsprobleme, kleinere Prioritäts- oder Terminkonflikte sollten dort geklärt werden, wo sie sind, im Team, zwischen den Parteien, zwischen den Mitarbeitern, frühzeitig und eigenverantwortlich, auch hier durchaus begleitet durch einen Prozessbegleiter, Moderator oder Supervisor.

Eine genaue Beschreibung und Schilderung des Problems und der Auswirkungen sind natürlich notwendig. Wie soll sonst die nächste Ebene entscheiden oder steuern? Das Aufzeigen von Handlungsempfehlungen und Verantwortlichkeiten halte ich für wichtig.

Was möchte ich damit aufzeigen?

Dass es möglich ist, eigenverantwortlich und selbstbestimmt mit Konflikten und Problemen umzugehen. Dass es geht, wenn Sie sich bewusst sind, dass Sie immer ein Teil des Ganzen sind mit Machtkompetenzen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und freue mich über einen regen Austausch.

Wie sehen Sie das?
Wie stehen Sie zu bewusster Eskalation?
Wie stehen Sie grundsätzlich zum Thema?
Welche Erschwernisse sehen Sie und welche Chancen?

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