Rache als Bedürfnis? Wahrheit oder Rechtfertigung?

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Anlass: Ende letzter Woche startete Modul 1 der Mediationsausbildung 2015 / 2016.  Es kam der Diskussionspunkt auf, ob Rache ein Bedürfnis sei oder nicht.

Mir ist es nochmal nachgegangen, das Thema Rache als Bedürfnis und ich habe das Bedürfnis, dazu einige Überlegungen mitzuteilen. Es gibt unglaublich wenig Literatur und moderne Reflektion.
Ich erlaube mir daher einfach einmal meine Sicht dazu:

Rache als Bedürfnis schicklich oder verwerflich?

Rache ist ein Begriff seit alters her und wurde (gerade auch in der Kirchengeschichte, hier gibt es nun mal die meisten Aufzeichnungen) als grundlegendes Bedürfnis benannt.  Rache wird an den unmittelbaren Schädigern oder stellververtretend an Assoziierten geübt. Ein Beispiel ist die Verfolgung von Juden, weil man in ihren Vorfahren die „Mörder Jesu“ sah. Rachemotivationen und Rachehandlungen liegen in der Frage, ob damit eine Schädigung der eigenen Person oder die Behandlung anderer Menschen wiedergutgemacht werden soll.
Meistens wird die persönliche Rache als nicht schicklich oder verwerflich angesehen, die stellvertretende Rachehandlung durchaus als heroisch.
Ob wir davon ableiten können, dass sich darauf das Rechtssystem beruft, um in einer vernünftigen und neutraleren Form Wiedergutmachung zu erlangen, weiß ich grad noch nicht, werde nachdenken. Vielleicht hat jemand von euch Ideen dazu.
 
Ich möchte gerne den Aspekt der Rachehandlung als zutiefst verwurzeltes menschliches “Bedürfnis” in eine andere Form bringen mit der Frage: Was liegt unter diesem Bedürfnis? Was bekommt der Mensch nicht, weshalb er zu diesen Maßnahmen greift. Mein humanistisches Verständnis sieht Rache nicht mehr als Bedürfnis per se, sondern als Ausdruck  einer Nothandlung. Wird der Schritt nicht gegangen zum Hinterfragen nach den darunter und dahinterliegenden Bedürfnissen, wird es außer Rache mit viel Leid keinen Weg geben. Rache wiederum führt nur zu neuen Fehlhandlungen und Verletzungen, die dann wiederum einer Rache bedürfen, weil andere Menschen verletzt wurden. So wird eine Kettenreaktion daraus, die sich manchmal sogar schließt, weil der Geschädigte zurück ”schädigt”, never ending story.

Umwandeln des Rechts nach Rache

Was also tun und was bedeutet das für die Mediation aus meiner Sicht?
Das Umwandeln des Rechts nach Rache erfolgt im ersten Schritt mit einem Waffenstillstand, Frieden ist ja noch lange nicht da.
Die Waffen müssen ruhen, sei es das Unterlassen von körperlichen Attacken oder das Unterlassen von verbalen Übergriffen. Auch eine weitere Eskalation durch Machtverschiebung, wie die Einbeziehung bisher Unbeteiligter muss zum Zwecke der Rache unterbleiben. Einbeziehung Dritter zum Zwecke der Konfliktlösung ist selbstverständlich machbar.

Rachebeweggründe

Der zweite Schritt bedeutet das Hinterfragen der Verletzung, der Fehlhandlung: Was stand dahinter, was war die Triebfeder, was war das zugrundeliegende Bedürfnis? Geht es um Gerechtigkeit, Fairness, Gleichbehandlung, Rücksichtnahme oder Respekt? Geht es um Handlungsfähigkeit, Autonomie, eigene Meinungen? Das Herauszuarbeiten ist nicht leicht für die Konfliktparteien. Erst, wenn das klar ist und auch deutlich wird, wo genau die Übergriffe und Fehlhandlungen genau lagen, kann eine Wiedergutmachung erfolgen.

Wiedergutmachung

Eine Wiedergutmachung ist definitiv etwas anderes als Rache. Für mich bedeutet Rache, einen neuen Handlungsstrang zu eröffnen, dessen Beweggrund auf falschen Annahmen basiert. Wiedergutmachung bedeutet Ausgleich und Wiederherstellen, bedeutet Schuldübernahme und Sühne, bedeutet Vollzug und Handlung. Eine Entschuldigung bedarf der Annahme des Geschädigten. Dann gibt es einen Weg aus dem unseligen Kreis von Rache und Rache.
Insofern möchte ich Rache heutzutage nicht mehr in die Bedürfnisse einordnen, sondern die dahinterliegenden Bedürfnisse deutlich nach vorne treten lassen.
Dann wird ein Weg möglich sein, um Lösungen und gangbare Wege zu finden.
Ich freue mich über einen regen Austausch hierzu.
Nächste Woche: Konflikte eskalieren, einmal anders
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2 Kommentare

  • Katja K.

    Herrlich- genau diese Gedankenfolge lief gestern abend beim Tatort wie eine Perlenkette ab-kurze Zusammenfassung:
    vor 15 Jahren wurde die 16-jährige Tochter eines Arztehepaares zu Tode vergewaltig. Der Täter (selbst schlimme Kindheit, Missbrauchsopfer) bekam 15 Jahre und sämtliche Therapien um danach eine Chance auf ein „gesundes“ Leben zu haben. Der Schmerz der Eltern wurde vergessen, nicht wahrgenommen oder berücksichtigt (Ihre Verletzung wurde nicht hinterfragt). Sie haben auch keine Eigeninitiative diesbezüglich ergriffen. So litten Sie 15 Jahre und steigerten sich in Hass und Selbstmitleid hinein. (Haft wurde nicht als Wiedergutmachung erkannt und angenommen)>>neuer Handlungsstrang: Am Tag seiner Entlassung kidnappten Sie den „Täter“ und brachten ihn um. Vorher erpressten Sie von ihm den Namen eines Mittäters, der die Vergewaltigung gefilmt hatte. Auch diesen wollten Sie aus Rache umbringen. Die Polizei fand den Mittäter und nahm ihn in Schutzhaft, daraufhin >>noch ein neuer Handlungsstrang-kidnappte das Ehepaar die Tochter des Kommissars um ihm das Leid anzutun und deutlich zu machen, das sie seit dem Tod ihrer Tochter ertragen. Nun wollten Sie einen Austausch erzwingen. Das Ganze eskalierte im Selbstmord des Ehepaares…

    Vordergründig sollte die Tochter gerächt werden (stellvertretende Rache/heroisch? tragische Verwechslung mit Zivilcourage?), da dies tatsächlich nicht möglich ist und es letztlich auch darum ging, das eigene Leid und den eigenen Verlust zu rächen, wäre dies die verwerfliche Form der Rache? Ich denke, nicht jeder würde so reagieren, daher ist für mich Rache kein GRUND Bedürfnis (ist sie die unverhältnismäßig!! große Schwester der Schadenfreude? Wie du mir, so ich dir-weil es mir guttut, wenn es dir a u ch schlechtgeht..)… und was hält diejenigen zurück, die nicht zur Rache greifen..Moral? psychische Disposition? trauen sich bloß nicht?…zumindest beginnt es doch mit der Achtsamkeit gegenüber der Not der direkt UND indirekt beteiligten Menschen um Rachegefühle/-gelüste in gewaltfreie Bahnen zu lenken…

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    • Pfeosoph

      Liebe Katja, das ist ja ein Paradebeispiel dafür. Wieviel Leid.
      Vielen Dank für den tollen Kommentar.
      Liebe Grüße
      Gisela

      Antworten

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