Die wunderlichen Seiten der Zeit

shutterstock_90145819,Von Manchmal-Engeln und anderen Wundern,Gisela Krämer,Buch,Metaphern,Zeit

Das Thema Zeit, ihre Facetten, Zeitreisen, kurze Zeiten, lange Zeit, wenig Zeit, Muße und vieles mehr  beschäftigt uns. Wir messen an der Zeit unsere Tage, Wochen, Jahre, unser Leben, die Ewigkeit? Zeit strukturiert unser tägliches Tun. Feierabend ist, wenn Arbeit war. Zeit für Urlaub, wenn… Wofür nehmen Sie sich Zeit? Wofür opfern Sie Zeit? Wie gewinnen Sie sie?

Als Einstieg in das Thema möchte ich Ihnen eine Metapher aus meinem Buch „Von Manchmal-Engeln und anderen Wundern“ vorstellen. Viel Freude am Lesen. Am Schluss finden Sie drei Fragen zum Thema Zeit zum Mitmachen.

Kurzinhalt Linneas Traum

Eine junge Frau verfügt über ein geheimnisvolles Wissen über die verborgenen Eigenschaften der Wehrburg. Viele Fragen des Umgangs mit Anders-Sein und Anders-gesehen-werden stellen sich ihr. Die Geschichte beschäftigt sich mit Fragen der Zeit, mit Anders-sein und Wahrnehmung unserer Welt.

Linneas Traum

Die Wehrburg und ihre Geheimnisse

Die Wehrburg zog sich weit den Hang hinauf. Ihre Mauern waren von Generation zu Generation ausgebaut und erweitert worden. Zur Linken wurde sie durch einen dichten Wald begrenzt, dessen knorrige Bäume teilweise mit der großen breiten Mauer verwachsen schienen.
Linnea war das jüngste von vier Kindern. Sie war von klein auf anders als die anderen Kinder, sie trug nicht die dicken Röcke wie die anderen Mädchen, sondern dickere bequeme Hosen, darüber eine Tunika.

Die haselnussbraunen Haare, die die Mutter ihr Morgens zu einem dichten Zopf flocht, befreiten sich in kürzester Zeit aus den Bändern. Linnea war ein kluges aufgewecktes Kind. Dennoch war etwas Seltsames um dieses Mädchen. In der einen Minute konnte man sie über den Hof zwischen den Ställen laufen sehen, in der nächsten saß sie mit den anderen beim Mittagessen.
Kaum war die Schule zu Ende durchstreifte Linnea ihr Zuhause. Sie kannte jeden Winkel, jede Ecke, jede Nische. Ihr Vater liebte dieses seltsame Kind über alles, auch wenn er es nicht schätzte, dass sie oft den angrenzenden Wald durchstreifte. Linnea wurde größer und war jetzt ein junges Mädchen.

Die geheimen Gänge der Wehrburg

Niemand wunderte sich wirklich noch darüber, wenn sie sich in einem Raum aufhielt und plötzlich verschwand. Es schien Geheimnisse in den alten Mauern zu geben, die nur Linnea kannte. Das Geheimnis war einfach. Die dicken Mauern enthielten Geheimgänge, manche breit genug für eine größere Person, manche so schmal, dass sogar Linnea sich hindurch quetschen musste.
Die meisten Gänge hatte sie im Laufe der Zeit gesäubert und von Spinnweben befreit. Warum niemand außer ihr, da war sich Linnea sicher, von den Gängen wusste, war ihr nicht klar. Sie nutzte die Gänge wie andere Menschen die Flure und Höfe. Die Eltern, Geschwister und Mitbewohner akzeptierten dieses eigentümliche Verschwinden und Auftauchen.

Warum Linnea nichts sagte, warum niemand fragte, entzieht sich meiner Kenntnis. Sogar, als eine weitere unglaubliche Merkwürdigkeit dazu kam, schien niemand ernsthaft darüber nachzudenken. Linnea entdeckte, dass einige der Gänge sie zu einem anderen Zeitpunkt an den gleichen Ort zurückbrachten.

Anfänglich dachte sie, sie habe sich geirrt. Aber sie erlebte die gleiche Situation wie einige Minuten zuvor noch einmal. Sie probierte es ein paarmal aus. Gerade hatte sie ihrem Vater begeistert von einem Erlebnis berichtet und war dann gegangen. Nach Benutzung eines bestimmten Gangs kehrte sie in das Büro des Vaters zurück und wollte noch etwas erzählen. Aber der Vater wusste nichts. Sie versuchte es mehrmals und erkannte schließlich, dass es sich um einen Zeitraum von etwa zehn bis fünfzehn Minuten handelte.

“Welche Wahrheit ist wahr?”

Das war etwas anderes, als einmal hier und einmal dort aufzutauchen. Einen Zeitraum als einziger noch einmal zu erleben, brachte Linnea manchmal an den Rand des Verstandes. Sie stellte sich Fragen: „Werde ich in dieser Zeit älter? Wo verbringe ich diese Zeit? Welche Wahrheit ist wahr? Das erste Erleben oder das zweite? Bleibt eine Erinnerung bei den anderen Beteiligten und sei es auch nur im Traum?“

Linnea war außerstande, diese Fragen zu beantworten und sie kannte auch niemanden, den sie einzuweihen wagte. Sie ahnte, dass es dafür zu spät war. Sie war bei den Bewohnern und ihren Freunden sehr beliebt und gelitten, aber sie hatte auch einen Sonderstatus, indem man sie für leicht verrückt hielt. Man lachte nicht über sie, trotzdem spürte Linnea, dass vieles, was sie tat, toleriert wurde, einfach, weil sie es tat. Bei jedem anderen wäre es nicht gebilligt worden.

Als Kind fand sie es lustig und spannend, etwas Besonderes zu sein. Inzwischen war es nichts Besonderes mehr, besonders zu sein. Besonders wurde jetzt definiert als anders, als merkwürdig und als sonderbar. Linnea gefiel es nicht, doch wusste sie keinen Weg mehr aus ihrer zugewiesenen Rolle. Es tat ihr gut, dass sie in dieser Zeit einen Freund hatte, der ihr zur Seite stand und sie gegen dumme Sprüche von anderen abschirmte. Auch lächelte er nicht, wenn sie ihm von den Mauern erzählte und das tat sie. Aber auch er nahm es hin, als erzähle sie einen Traum.

Linnea versuchte, ihn mitzunehmen, aber die Zugänge zu den Gängen öffneten sich ihnen nicht. Jedesmal, wenn er wieder fort war, suchte Linnea den Durchgang und fand ihn problemlos. Sie kehrte die Zeit um und war 10 Minuten vor der Zeit wieder am Treffpunkt. Ihr Freund war nicht da, das hatte sie auch nicht erwartet. An diesem Nachmittag weinte Linnea lange. Sie wusste, dass dieses Parallelleben bald zu Ende sein musste, sonst würde sie die Trennlinie nicht mehr ziehen können.

Durch die Mauer in den Wald

Zwei Tage später betrat sie durch die Mauer den dahinter liegenden Wald. Ihr Vater und einige Begleiter waren auf der Jagd und sie konnte die fernen Rufe hören. Sie bewegte sich an der Außenmauer entlang, um auf ihren Lieblingsplatz zu gelangen, eine kleine Lichtung umgeben von Gehölz und geschützt durch die Mauer.

Die Sonne schien durch die Baumwipfel und tauchte den Platz in ein verwunschenes Licht. Erschrocken hielt Linnea inne, als sie das Trampeln hörte und verschwand rasch wieder in der Mauer, wo sie sich herzklopfend eine kleine Weile aufhielt. Dann fasste sie Mut und betrat den Wald erneut. Es war 10 Minuten zuvor… Der große Eber hielt auf sie zu und der Jäger dahinter hatte bereits seinen Pfeil auf der Sehne, als sie wie ein Spuk erschien. Er konnte den Bogen nicht mehr hochreißen, der Pfeil verließ die Sehne und traf unweigerlich das Ziel: Linnea.

Linnea spürte den Schlag gegen ihre Brust nicht und als ihre Beine sie nicht mehr trugen, sank sie zu Boden. Der Jäger kam entsetzt näher und beugte sich zu dem Mädchen hinunter, das im weichen Moos lag und zu ihm aufblickte, den Pfeil in der Brust. Sie atmete zunehmend schwerer. Der Jäger war wie betäubt. Er ergriff den Pfeil mit beiden Händen und zog ihn mit einem vorsichtigen Ruck aus der Wunde und versorgte diese augenblicklich mit Moos, das die Blutung stillte. Dann erhob er sich und eilte davon, Hilfe zu holen, nicht ohne Linnea zu versichern, dass er gleich zurück sein würde.

Kaum war er verschwunden, stemmte Linnea sich hoch und tastete sich halb blind vor Tränen an die Stelle in der Mauer, wo sie den Zugang wusste. Sie fand ihn und verschwand. Niemand hat das Mädchen Linnea je wieder gesehen, aber viele Bewohner der Burg hatten Träume über eine gütige junge Frau, die immer dann in den Träumen auftauchte, wenn sie es am Nötigsten hatten. Jahrhunderte später erzählte mir meine Großmutter die Geschichte der Fee Ennea, die so zauberhaft war, dass sie nicht erwachsen werden konnte.

Wer mehr über mich und meine Arbeit als Autorin erfahren möchte, findet weitere Information übrigens auf meiner Facebook-Seite oder im Storycenter!

Fragen zum Nachdenken und Diskutieren

  • Wie wird Zeit empfunden?
  • Was würde geschehen, wenn wir die Zeit doppeln könnten oder kürzen?
  • Warum kann Anders-Sein auch bedeuten, ausgegrenzt zu sein?
Share Button

6 Kommentare

  • Bianca Lehrmann

    Zu der 1. Frage
    Manche haben Angst vor der Zeit, denn sie wissen sie ist nur noch auf einige Monate begrenzt. Jugendliche wissen meistens nichts mit der Zeit anzufangen und langweilen sich. Ich zb. finde die Zeit vergeht so verdammt schnell, gemessen an meinen Kindern. Sie werden so schnell groß, sie lernen in kurzer Zeit so viel. Und ehe man sich versieht, ist 1 Jahr vorüber.

    Frage 2. Als eine Freundin am sterbebett ihres Mannes stand, sagte er , dass er sich wünschte er könnte die Zeit mit ihr und den Kindern verlängern quasi verdoppeln. Ich glaube das wäre ein Eingriff in die Natur…Und ich denke das verdoppeln und verkürzen würde automatisch kommen…ich denke die Natur würde versuchen das Gleichgewicht wieder herzustellen. Das heißt wird ein Leben verdoppelt, muss ein anderes verkürzt werden. Das ist meine Ansicht… aber logisch gedacht würden wahrscheinlich fast jeder die Zeit verdoppeln wollen, das hätte zur Folge das es eine Überbevölkerung geben würde… darum meine Ansicht mit dem das die Natur für einen Ausgleich Sorgen müsste.

    Zur Frage 3. Die ist einfach zu erklären…die meisten wissen nicht damit umzugehen. Sie wollen und können es nicht tolerieren, dass man auch wenn man anders ist, auch trotzdem ein Mensch mit Gefühlen ist. Manchmal ist es aber auch so, man wird ausgegrenzt weil man für die Leute anders ist, es selbst aber nicht ist…sie kommen einfach mit deinem Charakter nicht zurecht.
    Anders sein bedeutet auch anders zu leben und sich zu kleiden…wenn die Eltern zb nicht viel Geld haben und man keine nike Schuhe besitzt oder keine Picaldi Hose , dann wird man auch zum Teil ausgegrenzt…
    Kurz gesagt viele Menschen können es nicht tolerieren, dass es Leute gibt die anders sind und deswegen Grenzen sie aus um die Person die anders ist, so weit wie möglich auf Abstand zuhalten. Dabei ist jeder Mensch der anders ist auch besonders und sollte nicht ausgegrenzt werden. Mensch ist Mensch, egal welche Hautfarbe, egal ob Rollstuhlfahrer oder nicht, egal ob man viel Geld oder weniger hat, egal ob man schlauer oder ebend etwas länger braucht um zu reagieren.

    Ich finde die Fragen wirklich toll und interessant. Ich hoffe ich konnte alles richtig und verständlich erklären und beantworten „smile“-Emoticon

    Antworten
  • Bianca Lehrmann

    Mich würde interessieren wie du zur Frage 2 und 3 stehst. Welche Ansicht hast du?

    Antworten
  • Gisela Krämer

    Ich beantworte deine Frage, wie ich zur Frage 2 und 3 stehe doch hier: Was würde geschehen, wenn wir die Zeit doppeln könnten – oder kürzen?
    Ich bin durchaus auch deiner Ansicht, dass wir eine natürliche Systematik haben und die Natur hier wahrscheinlich für Ausgleich sorgen wird. Auf der anderen Seite wird Zeit sehr unterschiedlich erlebt. Für den einen ist sie viel zu lang und für den anderen zu kurz. Das hat mit dem Erlebnishorizont zu tun, auch spürbar, dass unsere Kindheit uns sehr lange vorkam und in der Erinnerung länger vorkommt als andere Phasen unseres Lebens. Wenn wir unsere Zeit messen können, wird sie uns länger vorkommen, weil unser Gedächtnis quasi von Ereignis zu Ereignis erinnern kann. Unser Gehirn hat keine Uhr und speichert anders. Eine ereignislose Zeit kommt uns lange vor und in der Erinnerung kurz. Eine ereignisreiche dagegen umgekehrt. Je mehr neue Erinnerungspunkte da sind, desto eher wird es messbar. So das aber nur mal nebenbei.
    Ich denke, dass manche Menschen wirklich entscheiden möchten, dass sie die ihnen gegebene Zeit verkürzen, zum Beispiel bei schwerer Erkrankung und ich verstehe auch den gestorbenen Mann deiner Freundin. Er hat damit ja nichts anderes ausgedrückt, als das Bedauern, dass er vielleicht die Zeit, die ihm mit dieser wunderbaren Frau und seinen Kindern stärker erlebt hätte und gerne weiter mit ihnen sein Leben geteilt hätte. Die Aussage war auch ein Danke an die Zeit mit ihr. Ich habe meinem Mann ganz zu Anfang unserer Beziehung einmal in einem Liebesbrief geschrieben, dass ich lieber ein halbes Leben mit ihm lebe, als ein ganzes mit jemand anderem. So ist es heute noch.

    Ich dachte bei der Frage auch an Linneas Problematik, dass Sie quasi 2 Spuren der Zeit erlebt hat. Und das hat mich ziemlich umgetrieben, die Frage, was geschehen würde, wenn wir tatsächlich eine Realität zweimal erlebten. Manchmal geht mir das mit bewusstem Träumen so, dass ich das Gefühl habe, die Situation kenne ich, habe ich schon einmal durchlebt, deja vu. Ich finde den Gedanken verstörend, welche Realität lebe ich denn dann? Und an welche erinnere ich mich?
    Ich bin sicher, dass unser Gehirn da viel durcheinander bringen würde und wir auf unsere Umwelt ziemlich irritierend wirken, wenn wir möglicherweise aus unserer anderen Realität berichten. Wer sagt denn auch, wessen Realität ist wahr, meine oder deine oder mein Tagtraum? Die Zeit ist für mich so etwas wie eine weitere Dimension und der Ausgleich erfolgt genauso wie du es in Frage zwei beschrieben hat, die Natur gleicht aus.
    Ich gehe dann mal kurz in Traumurlaub, bin mal weg.

    Antworten
  • Bianca Lehrmann

    Danke für die wundervolle Antwort „smile“-Emoticon

    Antworten
  • Gisela Krämer

    Warum kann Anders-Sein auch bedeuten, ausgegrenzt zu werden? Frage 3 teile ich ebenfalls mit dir. Anders-Sein wird oft als negativ empfunden und durch unsere Bewertungen ausgegrenzt. Voreingenommenheiten und Vorurteile sind die Folge, in Kombination mit Angst oder Neid. Ich habe mal einen netten Spruch gelesen:
    Anders ist nur eine andere Form von Normal.
    Nett oder? Ich mag die Aussage von Ruth Cohn, die gesagt hat, dass sie erlebt, dass sie „umso autonomer ist, je mehr sie sich der menschlichen Interdependenz bewusst wird, und um so gemeinschaftlicher, je mehr sie ihre Eigenart pflegt“. Also doch nur anders normal. Nicht-Normalität stört ein wenig und irritiert, weil wir es ersteinmal nicht verstehen und einordnen können. Daher reagieren viele Menschen mit Skepsis, Abwarten oder sogar Ablehnung.
    Ich hatte heute ein Gespräch und es beklagte sich jemand darüber, dass die Kollegin sich nicht ins Team einbringe. Sie müsse doch auch ein wenig offener sein. Ich habe sie gefragt, ob es nicht auch sein kann, dass die Kollegin sich nicht eingeladen fühlt ins Team? Wenn wir Anders-Sein mit einer gewissen Neugier und Unvoreingenommenheit begegnen, wird es spannende Begegnungen geben können.

    Antworten
  • Bianca Lehrmann

    Danke schön für deine Ansicht und es freut mich das wir uns da ziemlich einig sind.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *