Der organisierte Himmel, Weihnachten im Chaos

von Gisela Krämer

„Anlass für dieses denkwürdige Arbeitstreffen, von dem ich erzählen will, war folgender Vorfall: Am Weihnachtsfest waren nicht alle Länder pünktlich beliefert worden, sondern ein ganzer Kontinent hatte seine Weihnachtsgeschenke mehr als vierundzwanzig Stunden später bekommen als geplant.

Der Kontinentalbeauftragte hatte sich bei Petrus beschwert, der für die Leitung verantwortlich war und daraufhin eine himmelweite Arbeitssitzung einberief. Eingeladen waren Mutter Natur, alle Engel, die Abteilungsleitungen der feierlichen Tage der Menschen, der Nikolaus und Weihnachtsmann sowie die Osterhasenvertreter. Auch die Gestirne hatten ihre Vertreter geschickt, die Sonne ein paar Sonnenstrahlen und die Sterne ein Sternenleuchten. Der Mann im Mond kam höchstpersönlich. Auch der Abteilungsleiter der Unterwelt, Luzifer, hatte zugesagt. Er roch immer etwas streng, aber das traute sich ihm keiner zu sagen.

Die Besprechung beginnt

Auf der Tagesordnung stand die Verteilung der Arbeiten im Weltenreich mit der Maßgabe, dass niemand zu viel und niemand zu wenig Arbeit hat und um die saubere Einhaltung von Terminen.

Petrus wollte gerade ansetzen, seine Ideen offenzulegen, als Luzifer dazwischen blökte. „Wo ist denn eigentlich der Chef?“ „Luzifer, immer noch ‚Herr Gott‘!“, rügte ihn Petrus. Luzifer schwieg betreten und schaute zu Boden. Und Petrus meinte: „Er kommt etwas später, er ist bei einem Kunden.“ Die ganz wichtigen Kunden versorgte der Herrgott selbst, weil er rasch und ohne Umwege alles wieder in Ordnung brachte.

Petrus fragte in die Runde, ob es erste Ideen gäbe, als Luzifer vorschlug: „Wir können doch zum Beispiel die Sonne abschaffen.“ Alles wandte sich zu ihm um. Wie die Sonne abschaffen? Die Sonnenstrahlen tanzten ganz empört und aufgeregt durcheinander. „Na ja“, meinte Luzifer. „Nachts scheint sie doch ohnehin nicht und tagsüber ist es sowieso hell.“ Es dauerte eine Weile, bis die Belegschaft diesen merkwürdigen Scherz verdaut hatte und wieder Ruhe einkehrte.

Der Kontinentalvertreter erklärte: „Aufgefallen ist dieses Jahr vor allem, dass die Anweisungen an den Weihnachtsmann wohl zu spät erfolgt sind.“ Der Vertreter der Tiere wandte ein, dass die Elche jetzt wirklich schon ihr Bestes täten. Mehr sei nicht zu schaffen.

„Dann muss der Weihnachtsmann halt ein bisschen abnehmen, wenn er das alles nicht mehr packt. Wir müssen doch alle ein bisschen abspecken!“, grinste Luzifer. Der Weihnachtsmann erhob sich empört. „Also hör mal Luzifer, das ist jetzt nicht fair, wieder die ganze Schuld bei mir abzuladen. Hast du vielleicht schon einmal einen dünnen Weihnachtsmann gesehen und den vielleicht noch ohne Bart? Hockst ja da unten in deiner Unterwelt und kriegst von allem hier nichts wirklich mit. Und wenn wir Personal abbauen, dann kriegst du das ja alles.“

Luzifer grinste und sagte: „Na klar, alles was ihr nicht mehr gebrauchen könnt, schickt Ihr zu mir runter. Und ich habe dann alle an der Backe, die da jammern. Arbeiten können die wenigsten von denen.“

Der Weihnachtsmann wandte sich an Petrus. „Es ist diesmal tatsächlich richtig, dass ich einen Fehler gemacht habe und die ganze Koordination nicht so funktioniert hat wie in vielen vielen Jahren zuvor. Aber ich kann mich nicht um alles kümmern. Ich muss in der Abteilung von Nikolaus aushelfen, ich muss die Hasen koordinieren, ich muss hier und da und dort nach dem Rechten sehen, alles nach dem Motto: Wenn’s brennt, kommt der gute Weihnachtsmann und bringt sicher alles wieder in Ordnung. So geht das nicht!“

Die Elche sahen aus, als würden sie dem Weihnachtsmann zustimmen. Und auch die Engelchen guckten; ein bisschen gefeixt hatten sie schon, als Luzifer gesagt hatte, der Weihnachtsmann sei zu dick. Aber er war immer gut drauf, und das war für seine Mitarbeiter das Wichtigste.

„Also im Moment habe ich schon den Eindruck, dass hier alles drunter und drüber läuft“,

meinte Petrus. „Bestandsaufnahme bitte.“ Die Gestirne meinten übereinstimmend, dass alles bestens funktioniere. Sie gingen auf und unter, wenn es Zeit sei, und die Sterne zeigten sich von Zeit zu Zeit am Himmel. Mutter Natur sagte: „Ich habe viel zu tun, aber der Herrgott und ich haben gemeinsam immer schon eine Menge geschafft!“ So ging das weiter. Jede Abteilung behauptete, es würde doch eigentlich ganz prima laufen, bis der Kontinentalvertreter einwandte, wenn doch alles so prima laufen würde, dann hätten sie wohl nicht diesen Kontinent vergessen! Und auch Petrus meinte, er könne dem Ganzen nicht so recht folgen bei den vielen Beschwerden vor allem durch die Abteilungsleiter.

„Oh weia“, brummte der Erzengel Gabriel. „

Hoffentlich kriegen die Menschen nicht mit, was bei uns hier oben los ist. Wie machen die denn das eigentlich?“

„Auch nicht besser als wir! Da redet keiner mehr mit dem anderen, da wird nur übereinander gemeckert und aufeinander geschimpft. Und Schuld hat sowieso immer der andere! Und du, Gabriel, tust doch sonst immer so, als wüsstest du alles besser! Ständig kommst du mir damit, dass ich so viele Kunden habe!“ Luzifer brauste auf.

Der Herrgott, der inzwischen eingetroffen war, lächelte besänftigend und meinte: „Nun wir können auch nicht alle in den Himmel lassen. Einige brauchen noch eine Zeit lang, bevor wir Ihnen Eintritt gewähren können. Die Zeit des Wartens nutzen sie in der Abteilung Luzifers.“

Der Nikolaus dachte auch, dass der Herrgott Recht habe. „Wo sollen wir denn mit den ganzen Seelen hin, die noch nicht reif für den Himmel sind?“ Er hatte aber noch nie so richtig verstanden, warum der liebe Gott die Hölle tolerierte.

In der Arbeitsgruppe der Abteilungsleiter war es wieder Luzifer, der sich beklagte. „Ich bekomme aus ganz bestimmten Regionen auf der Erde überhaupt keinen Nachschub mehr.“

Als Petrus ihn fragte, welche Region er denn genau meinte, antwortete er: „Da unten in Deutschland, da sind Landstriche, da kommt so gut wie nichts mehr runter.“ Petrus erkundigte sich:

„Stirbt denn da niemand mehr?“

„Doch, aber die klagen schon während der Lebenszeit tagein und tagaus. Und dann ist eben kein Klagen mehr für die Hölle übrig. Deswegen kommen sie alle direkt in den Himmel.“

Petrus kratzte sich kurz am Kopf und dachte nach. Mochte es tatsächlich sein, dass diese Menschen auf der Erde deshalb klagten, um direkt in den Himmel aufgenommen zu werden?

„Was geschieht dort, dass sie klagen? Was fehlt ihnen?“

„Es fehlt ihnen immer irgendetwas und die Eigenarten der Menschen… ich gebe euch ein Beispiel, eine merkwürdige Geschichte, das finden die witzig!

‚Da treffen sich ein Hamburger, ein Bayer und ein Schwab‘. Allen dreien fällt eine Fliege in das Bier. Der Hamburger bestellt ein neues. Der Bayer schnippt die Fliege aus dem Bier und trinkt. Der Schwab‘ nimmt die Fliege, schüttelt sie, setzt sie vorsichtig auf den Glasrand und sagt zu ihr: „Spuck aus, aber alles!“‘ So komisch sind die Menschen dort!“

Luzifer lag vor Lachen am Boden. Petrus blickte ihn streng an und meinte lächelnd: „So können wir nicht miteinander arbeiten“. „Aber, Petrus, ein bisschen Spaß muss sein!“

Petrus entschied: „Ich werde mit einem Vertreter der Menschen aus diesem Landstrich sprechen.““

An dieser Stelle geht es morgen weiter mit: Ein Gespräch mit Gott und aufschlussreiche Erkenntnisse.

 

Fragen

Wie kommt es, dass wir uns heutzutage so oft mit Defiziten anstelle mit Ressourcen beschäftigen?

Ich denke, dass das etwas mit dem Wunsch der Menschen zu tun hat, sich zu verbessern. Wenn wir besser werden wollen, denken wir, geht das nur anhand der Defizite. Doch stimmt das wirklich?

Jede Tugend, jede Stärke hat ihre passende Untugend dazu und umgekehrt. Wenn wir beispielsweise extrem auf unser Geld achten (man mag es geizig nennen), dann brauchen wir die Sparsamkeit nicht mehr lernen. Richtig? Die Tugend ist dann die Sparsamkeit, die Untugend, wenn man es zu toll treibt, ist der Geiz. Wäre es nicht leichter, mit dem Denken über die Ressource Sparsamkeit zu beginnen und den ganzen guten Eigenschaften, die wir besitzen. Es ist ein Fakt, dass wenn Sie eine Stärke erhöhen, Sie gleichzeitig eine Schwäche abfedern, das gleicht sich automatisch aus.

Nun gibt es nicht nur Stärken und Schwächen, sondern Defizite in Dingen, die wir noch nicht erledigt haben und munter vor uns herschieben oder nicht dazu kommen.

Wieso fühlt sich emotional, das, was man noch nicht erledigt hat, viel schwerer an, als das, was erledigt ist?

Die emotionale Ebene hat nicht immer recht, aber sie hat meist die Macht

hat eine kluge Frau gesagt (Barbara Langmaack). Aha, dann schaffen wir das doch einfach ab, wird sowieso zu viel gemenschelt in der Welt? Und das vor Weihnachten.. Das ginge dann sicher so aus wie in der Geschichte oben. Es fühlt sich deshalb schwerer an, weil die Zeit knapper wird für die Erledigung, weil viele Aufgaben am Flaschenhals anstehen und nicht zügig durchkommen, weil Stress und Antreiber gerade Hochkonjunktur haben. Meist fehlt der Blick auf das Ganze. Ist das, was noch zu erledigen ist, tatsächlich / realistisch viel? Ist es ein Grund, sich Sorgen zu machen und in Stress zu geraten oder kann es abgearbeitet (oder auch mal liegengelassen) werden. Es gibt meist zwei Realitäten, die empfundene und die, die wir klarer sehen. Beispiel: Sie haben viel Arbeit und noch so viel auf ihrer Planung, dass es für drei Tage reicht.  Der eine Mensch denkt und sagt: „Ich habe so viel Stress!“ und empfindet das auch so. Der andere Mensch berichtet von viel Arbeit und einer straffen Taktung. Für beide ist die Realität gleich, das Empfinden verändert den Bezugsrahmen und das Gefühl dazu erheblich.

Ähnlich ergeht es uns mit den Themen Pflicht, Rücksicht und Moral.

Haben wir eine Jammerkultur? Wozu dient sie?

Ja das ist in der Tat ein merkwürdiges Phänomen, hängt sicher auch mit den obigen Fragen zusammen, erweitert sich aber um einen Aspekt: Es ist nun mal viel leichter zu sagen: „Ja wenn die Politik, der Chef, dieser Nachbar, Weihnachten in diesem Jahr, damals…“.

Das fühlt sich dann nicht so direkt an und neutralisiert erst einmal die Auseinandersetzung mit unseren eigenen Anteilen. Solange ich mit Tumult beschäftigt bin und mit dem Fokus auf einen anderen, brauche ich nicht auf mich zu schauen.

Die Wahrheit kennen Sie. Sie können andere Menschen nicht ändern, erstens geht es nicht, zweitens tut es weh. Unser Denken und Verhalten hat immer Einfluss auf unsere Umwelt und die Reaktionen der Menschen um uns herum.  Der Nachbar grüßt nicht mehr, schon lange nicht? Die Kinder finden Weihnachten nicht so wichtig wie Sie? Die Firma hat gerade einen wichtigen Kunden verloren?

Die können eines tun, statt dagegen anzukämpfen, Sie können versuchen, selbst etwas anderes zu machen. Ändern Sie einmal Ihren Blickwinkel. Was passiert, wenn Sie heute den Nachbarn grüßen (vorausgesetzt Sie wollen das)? Was wird geschehen, wenn Sie das Weihnachten feiern, das Sie sich wünschen mit Kirchgang und.. ? Dazu braucht es die Anwesenheit ihrer Lieben erst einmal nicht. Ist es vielleicht an einem anderen Tag möglich, als Familie zusammen zu sein? Vielleicht sogar stressfreier und entspannter?

Ist es möglich, in der Firma zügig die anderen Kunden zu stabilisieren und an der guten Qualität weiterzumachen?

Schätzen Sie, was Sie bereits haben, statt immer nach dem Besseren, Größeren oder Schnelleren zu streben. Freuen Sie sich auch über kleine Dinge und Erfolge, weil das wirklich glücklich macht, in dieser Minute und in dieser Stunde. Weil Weihnachten bevorsteht, die Erinnerung an ein weiteres Zitat:

Es gibt nur zwei Tage in deinem Leben, an denen du nichts ändern kannst: Der eine ist gestern und der andere ist morgen!

Dalai Lama

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Zeit. Mögen Sie sich die Fragen einmal anschauen, Sie sind Anregungen.

Ich bin neugierig, was Sie dazu sagen und welche Beispiele Sie haben.

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